
Bernd
Böttger
aus Sebnitz
in Sachsen,
gelernter Chemiefacharbeiter,
* geb. 25.10.1940 in Gera,
gest. 27.08.1972 bei Rosas in Spanien.
Er flüchtete 1968 mit Hilfe eines selbst entwickelten und gebauten Aqua-Scooters über die Ostsee von Graal-Müritz in der DDR zum dänischen Feuerschiff "GEDSER REV".
1972 verstarb er beim Tauchen an der Costa Brava unter mysteriösen, bis heute nicht aufgeklärten Umständen. Es besteht dazu der Verdacht des politischen Mordes durch das Ministerium für Staatssicherheit der DDR.

1968
erfand Bernd Böttger den Aqua Scooter und floh damit in den Westen. Sein
kurzes Leben hat die Dimension eines Thrillers.
Der junge
Marine-Offizier Christian Christiansen langweilt sich zu Tode auf dem dänischen
Feuerschiff "Gedser Rev". Es liegt genau in der Mitte zwischen Gedser
und Warnemünde und ist das wichtigste Leuchtfeuer zur Sicherheit des
Schiffsverkehrs in der Kadet-Rinne. Nach Gedser im Norden bzw. Warnemünde
im Süden beträgt die Entfernung je zwölf Seemeilen. Die Insel
Fehmarn liegt 24 sm weit im Westen. Am Sonntag, dem 8. September 1968 hat
Christiansen den ganzen Tag lang versucht, seinen Kofferfernseher mittels
einer hoch im Mast angebrachten Antenne zu aktivieren. Vom dänischen
Fernsehen empfängt er nur ein krisseliges Bild ohne Ton. Das westdeutsche
Fernsehen kriegt er gar nicht rein. Lediglich das DDR-Fernsehen kann er halbwegs
sehen, doch Bild und Ton verschwinden immer, wenn sich das vor Anker liegende
Feuerschiff bewegt. Um 23 Uhr schaltet Christiansen genervt die Glotze ab,
denn im ostdeutschen TV beginnt ein Russischkurs.
Um Mitternacht schreibt er die Wetterdaten ins Bordbuch: Wind 1-2 Beaufort
aus Südost, Lufttemperatur 15°C, Wasser 17°C. Es ist noch immer
ein wunderbar warmer Sommer. Wenn nur die Langeweile an Bord nicht wäre.
Bis 6 Uhr muss er noch aushalten, dann darf er sich Schlafen legen. Punkt
4 Uhr morgens geht Christiansen wieder an Deck, um von der kleinen Wetterstation
die Daten abzulesen und ins Bordbuch zu tragen.
Es ist eine sternenklare Nacht und das Meer ist glatt. Aus Richtung Süden
sieht er eine einzelne Welle auf sich zu rollen. Was ist denn das? Kurz vor
dem Feuerschiff wird sie kleiner und verschwindet. Er schenkt der merkwürdigen
Welle keine weitere Bedeutung.
Plötzlich hört er eine menschliche Stimme. Kann das sein? Mitten
auf der Ostsee? Er rennt ins Steuerhaus und greift das Fernglas. Er sucht
den gesamten Horizont ab. Kein Boot oder Schiff ist zu sehen. Hat er sich
getäuscht?
Da
hört er die Stimme wieder. Jemand ruft "Help, help!" Christiansen
schlägt mit der Schiffsglocke Alarm. Eine Minute später sind alle
sechs Mann der Crew an Deck. Sie richten an Steuerbord, wo die Stimme zu hören
ist, einen Scheinwerfer aufs Wasser und entdecken den Kopf eines jungen Mannes.
Sofort werfen sie eine Leine über Bord, an der sich der Unbekannte festhalten
soll.
Minuten später hängt die Strickleiter außenbords. Während
Christiansen sich noch eine Schwimmweste anlegt, um dem vermeintlichen Schiffbrüchigen
aus dem Wasser zu helfen, kommt dieser schon aus eigener Kraft lächelnd
die Strickleiter hoch geklettert und benutzt dabei nur eine Hand, weil er
in der anderen ein merkwürdiges Gerät hält.
"Guten Morgen, ich heiße Bernd Böttger und komme aus Sebnitz
bei Dresden. Darf ich bei Ihnen an Bord kommen?" Fragt der Fremde im
schönsten Sächsisch. Er darf sich heiß duschen, erhält
trockene Kleidung und ein Frühstück und sollte eigentlich schlafen.
Doch die dänischen Seeleute wollen unbedingt wissen, wie er es geschafft
hat, so weit zu schwimmen und was das für ein Apparat ist.
"Ich bin nicht geschwommen," antwortet Bernd. "Das ist mein U-Boot und ich habe mich nur rangehängt."
Einen Tag später reist Bernd weiter nach Lübeck. Auch in der Bundesrepublik ist er vom ersten Augenblick an ein Medien-Star. Sein Mini-U-Boot, das jetzt Aqua Scooter genannt wird, und die tollkühne Fluchtgeschichte erscheinen in allen großen Zeitungen. Die Wochenzeitschrift "Neue Revue" feiert ihn mit der Schlagzeile "Unter Wasser in die Freiheit - Die tollste Flucht des Jahres 1968". Er gibt Fernsehinterviews u.a. für den Sender Freies Berlin und ist mit seinem U-Boot Gast der NDR-Sendung "Die Aktuelle Schaubude". In der "Arbeitsgemeinschaft 13. August" e.V., die in West-Berlin das Fluchtmuseum "Haus am Checkpoint Charlie" betreibt, stellt Böttger sein Mini-U-Boot aus. Spätestens jetzt interessiert sich Stasi-Chef Generaloberst Erich Mielke persönlich für ihn.

Ein Fall für die DDR-Staatssicherheit war Bernd Böttger bereits als Jugendlicher. Im Sommer 1958, Bernd ist 17 Jahre jung, hat er seine erste dreistufige Feststoff-Rakete, die er hoch in den Himmel steigen lassen will, startklar. Dummerweise umkreist sie nicht die Erde, sondern landet kurz darauf - mitten im Hof des Volkspolizei-Kreisamtes von Sebnitz. Seine Jugendlichkeit schützt ihn vor Strafe. Er lernt nach dem Abschluss der 8. Klasse . den Beruf des Chemiefacharbeiters. Die Stasi hat ihn weiter im Visier. Den Genossen wurde zugetragen, dass Bernd wisse, wie man Menschen mit auf dem Rücken geschnallten Raketentriebwerken über Hindernisse fliegen lassen kann.
Er wird
mit 18 Jahren zum Direktstudium an die Ingenieurschule nach Magdeburg delegiert.
Nach fünf Semestern muss er die Fachschule verlassen - wegen angeblicher
Schwächen in Mathematik und Organischer Chemie. In einem Stasi-Bericht
heißt es allerdings, dass er "wegen negativen Diskussionen oder
anderen Sachen, die sich gegen unsere Republik richteten, von der Schule verwiesen
wurde."
Als
am 13. August 1961 in Berlin die Mauer gebaut wird, hält sich Bernd mit
dem jüngeren Bruder Achim in Westberlin auf. Da die Mutter und Bruder
Horst noch "drüben" sind, gehen die Kinder wenige Tage nach
Mauerbau zurück in die DDR. Für Bernd aber steht jetzt fest - er
wird sich hier nicht einsperren lassen, er muss einen Weg finden, in die Freheit
zu kommen.
Bernd
lernt tauchen und experimentiert mit Verbrennungsmotoren. Er besitzt zwei
in den 1930-er Jahren gebaute Opel-Pkw sowie mehrere alte Motorräder.
Im Januar 1963 führt er einen Motorschlitten mit Propellerantrieb vor.
Vor den staunenden Sebnitzern rodelt er damit bergauf. Doch im Geheimen plant
er eine Erfindung, mit der er aus der DDR fliehen kann. Es soll ein Wasserfahrzeug
werden.
Seine
Paten-Tante schickt ihm aus dem Westen einen nagelneuen Neopren-Anzug, inklusive
Kopfhaube, damit kann man sich stundenlang im Wasser aufhalten, ohne dass
die Körpertemperatur sinkt. Jetzt braucht Bernd nur noch ein Fahrzeug,
das ihn unter der Wasseroberfläche durch die Ostsee zieht. Bernd entscheidet
sich, ein Mini-U-Boot zu bauen, an das er sich anhängen kann und das
ihn durchs Meer schleppt.
Der
Seeweg von der DDR-Küste bei Rostock nach Dänemark ist etwa 45 Kilometer
weit. Vom Ostseebad Boltenhagen bis Schleswig-Holstein sind es 22 Kilometer.
Die beste Zeit, durch die Ostsee zu fliehen, ist im Spätsommer. Dann
ist das Wasser warm und die schützende Nacht relativ lang. Er muss also
ein U-Boot konstruieren, das ihn mit möglichst großer Geschwindigkeit
durch die Ostsee zieht, um im Schutze der Dunkelheit die Seegrenze zu durchbrechen.
Die benötigte Leistung,
um einen Menschen unter Wasser zu schleppen, schätzt er auf mindestens
1 kW oder 1,5 PS. Ein Elektromotor wäre leicht gegen Wasser abzudichten,
da er keine Luftzufuhr benötigt. Doch es gibt dafür keine geeigneten
Akkus. Also muss er ein U-Boot mit Benzinmotor bauen. Der Motor soll maximal
zehn Kilo schwer sein, um ihn mit gefülltem Tank zum Strand tragen zu
können.
Bernd beschafft sich
für wenig Geld einen alten "Hühnerschreck-Motor". Eigentlich
heißt er MAW-Hilfsmotor, benannt nach dem Hersteller VEB Messgeräte-
und Armaturenwerk in Magdeburg. Der 6 kg leichte 1-Zylinder-Zweitaktmotor
hat 49,5 cm3 Hubraum und eine Leistung von etwa 1 kW..
Bernd dichtet alle wasserempfindlichen Teile wie Vergaser, Zündspule und Unterbrecher mit Kunststoff ab. Für die Ansaugluft und die Abgase baut er einen etwa ein Meter langen Schnorchel, der zur Wasseroberfläche führt. 1966 hat er sein U-Boot soweit entwickelt, dass er es in verschiedenen Seen in der Umgebung von Sebnitz ausprobiert und immer weiter perfektioniert. Ein Problem ist der Schnorchel für die Ansaugluft. Taucht er kurz unter oder eine Welle spült darüber, geht der Motor aus. Auch ist das U-Boot sehr laut und jeder in der Umgebung hört sofort, dass da ein Hühnerschreck unter Wasser fährt. Bernd wurde von vielen Passanten mit seiner Erfindung gesehen. Er macht kein Geheimnis mehr daraus und testet es zu Saisonbeginn 1967 im Sebnitzer Schwimmbad.
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Am
14.06.1967 reist er mit Zelt und dem U-Boot im Kofferraum zum Templiner See
nördlich von Berlin. Bernd unternimmt dort Probefahrten mit seinem U-Boot
und verbessert noch einige Details der Technik. Am 28. Juni 1967 reist er
weiter nach Boltenhagen und meldet sich auf dem Zeltplatz an, unweit beginnt
das Grenz-Sperrgebiet. Von dort bis nach Travemünde sind es - würde
man an der Küste entlang tauchen - 24 Kilometer. Doch diese Küste
ist streng bewacht. In seiner unkomplizierten Art plaudert Bernd mit den Grenzsoldaten
und versucht, Details der Grenzsicherung heraus zu bekommen. Dabei ahnt er
nicht, dass ihn die Stasi schon im Visier hat.
Am 7. Juli 1967 fährt er nach 20 Uhr mit dem Bus zur Steilküste bei Boltenhagen. Um 23 Uhr geht er nach Nordwesten zur Steilküste. Plötzlich springen zwei Soldaten aus den Büschen. Sie halten ihre Kalaschnikows auf ihn: "Hände hoch! Sie sind festgenommen!" Dreieinhalb Monate sitzt Bernd in U-Haft in Dresden. Am 26. September 1967 klagt ihn das Kreisgericht Sebnitz "Wegen Vorbereitung zum illegalen Verlassen der DDR" an. Während der Verhandlung streitet Bernd ab, die DDR illegal verlassen zu wollen. Das U-Boot habe er konstruiert, um das Rettungswesen in der DDR zu revolutionieren. Da Bernd im Sommer als Rettungsschwimmer gearbeitet hatte, klingt das Argument nicht völlig aus der Luft gegriffen. Der Richter urteilt milde: Bernd bekommt eine Gefängnisstrafe von acht Monaten, die für zwei Jahre auf Bewährung ausgesetzt wird. Sein U-Boot wird eingezogen. Den für ihn so wichtigen Neoprenanzug bekommt er zurück.
Als Bernd wieder auf freien Fuß kommt, hat er bereits ein neues und besseres U-Boot konstruiert. Die komplette Konstruktion hat er sich im Knast ausgedacht. Es gibt keine Skizze. Alles hat er in seinem Kopf. Und jetzt wird niemand etwas davon erfahren. Er beginnt sofort mit dem Bau des neuen U-Bootes.
Am 8.
September 1968 ist Bernd nachmittags auf dem Zeltplatz Graal-Müritz bei
Rostock eingetroffen. Er inspiziert kurz den Strand. Hier, weit entfernt von
der Grenze nach Westdeutschland, ist keine Grenzstreife zu sehen. Kurz vor
22 Uhr ist die Luft noch 18 Grad warm und das Wasser misst 17 Grad. Nur der
noch relativ hohe Seegang macht ihm ein wenig Sorgen. Um 22 Uhr zieht er einen
Pullover an und darüber seinen Neoprenanzug. Er nimmt Maske, Schnorchel
und Flossen aus dem Auto und sieht sich um. Nicht ein Urlauber ist am Strand.
Jetzt oder Nie! Um 22.30 Uhr legt Bernd einen sechs Kilo schweren Bleigürtel
um und nimmt sein U-Boot aus dem Kofferraum und watet in die kalte Brandung.
Im hüfttiefen Wasser stehend sieht er sich ein letztes Mal um. Er wird
dieses Land nie wieder sehen. Er startet sein U-Boot und hängt sich an.
Dank des Bleigürtels geht Bernd sofort auf Tiefe. Sekunden später
ist vom U-Boot und seinem Kapitän nichts mehr zu sehen oder zu hören.
Erst
nach langer Zeit wagt er, wieder aufzutauchen, um sich zu orientieren. Die
Küste liegt als flacher dunkler Streifen hinter ihm. Nur die Lichtkegel
der Grenzwachtürme huschen übers Meer. Er sucht über sich das
Sternbild des Großen Wagens und den Nordpolarstern. Wo der steht, muss
Dänemark sein. Auf halbem Wege soll das dänische Feuerschiff "Gedser
Rev" liegen. Bernd weiß nicht, welches Lichtsignal das Feuerschiff
abgibt, denn Seekarten werden in der DDR nicht frei verkauft.
Bernd
schätzt seine Geschwindigkeit auf fünf Stundenkilometer. Unglaublich!
Seine Erfindung läuft wie ein Schweizer Uhrwerk. Gegen
Mitternacht hört er plötzlich lautes Motorengeräusch. Bernd
taucht auf und erschrickt. Ein DDR-Kriegsschiff hält auf ihn zu. Sie
haben ihn entdeckt! Sind sie gekommen, um ihn festzunehmen? Oder wollen sie
Ihn durch den Propeller ziehen? Oder freundlicherweise nur erschießen?
Bernd
schaltet sein U-Boot aus, atmet tief aus und lässt sich auf Tiefe sinken,
er weiß, dass er die Luft länger anhalten kann, als es die Mediziner
raten. Dröhnend laut hört er über sich die Maschinen des Kriegsschiffes.
Er muss wieder nach oben, sonst stirbt er. Vom Kriegsschiff sieht er nur noch
das Heck. Magen und Darm machen ihm jetzt Probleme und er überlegt kurz,
ob er die mitgenommene Luftmatzratze aufbläst, um sich darauf auszuruhen.
Er atmet mehrmals tief durch. Ob das U-Boot wieder anspringt?
Das
U-Boot springt wieder an. Das beflügelt ihn. Er lässt sich jetzt
kurz unter der Wasseroberfläche durch die Ostsee ziehen und schiebt eine
kleine Welle vor sich her. Bernd ist in Hochstimmung. Sein U-Boot schnurrt
ohne Aussetzer. Bernd hat keine Uhr. Am Horizont scheint ihm das Licht etwas
hellerzu sein. Ob das ein Vorzeichen des Sonnenaufgangs sein kann? Bernd war
noch nie nachts auf dem offenen Meer.
Plötzlich ist ein weißes Blinklicht ganz nahe. Er nimmt das Gas weg und steuert zum Heck des fremden Schiffes. Dort weht im leichten Südwind eine große rot-weiße Flagge. Am Heck liest er den Heimathafen "Kopenhagen". Bernd schaltet den Motor aus und ruft erst "Hallo". Da keiner antwortet, schreit er laut: "Help, help!"


In Westdeutschland angekommen, wird Bernd Böttger als Flüchtling des Jahres 1968 gefeiert. Er ist 28 Jahre jung, gut aussehend, sportlich trainiert und strahlt stets gute Laune aus. Von Nikotin, Alkohol oder sonstigen Drogen hält er nichts. Stattdessen trinkt er Tee aus selbst gesammelten Kräutern. Obwohl ihm schöne Frauen zu Füßen liegen, interessiert ihn das wenig. Gleich mehrere Firmen bieten dem Erfinder Arbeit an.
Bernd glaubt, dass er jetzt ein freies und selbst bestimmtes Leben führen kann. Er ahnt nicht, dass er auch im Westen im Visier der Stasi steht.
Bernd
möchte sein U-Boot weiter entwickeln. Die Firma Babcock & Wilcox
in Oberhausen bietet ihm an, dort sein U-Boot zur Serienreife weiter zu entwickeln.
Bernd ist begeistert und zieht im Januar 1969 nach Oberhausen in die Annabergstraße
43. Im Juni 1969 arbeitet Bernd in der Deutschen Unterwasser-Forschungsstation
BAH II mit, die eine Tauchstation auf dem Grunde des Bodensees betreibt. Am
15. September 1969 wird sein zur Serienreife entwickelter BABCOCK-Scooter
der Öffentlichkeit vorgeführt. Auf seine Erfindung werden ihm gleich
drei internationale Patente erteilt.
Bernd
berichtet in Briefen stolz von seinem neuen Leben in Westdeutschland. Doch
Bernds Brüder Horst und Achim machen sich Sorgen. Sie wurden von der
Staatssicherheit abgeholt und verhört. Die verhasste Stasi hat auch Nachbarn,
Freunde und Bekannte befragt. Bernds Mutter ahnt nicht, dass einige der Geschäftsleute
und Bekannten denen sie sich anvertraut für die Stasi arbeiten - auch
in Westdeutschland. Allein von der Stasi-Kreisdienststelle Sebnitz werden
mehr als zehn Personen, verdeckt als Geschäftsreisende oder Rentner zum
Ausspionieren von Bernds Umfeld nach Westdeutschland beordert.
Schon
wenige Wochen nach der Präsentation seines Scooters wechselt Bernds zu
den ILO-Werke nach Pinneberg bei Hamburg. Die wollen Bernd Böttger sowie
die Rechte an seiner Erfindung und an den Patenten haben. Sie bieten Bernd
eine eigene Forschungsabteilung an, ein Monatsgehalt von 1800 DM (was damals
viel Geld war) sowie im ersten Jahr ein zusätzliches Honorar von 200.000
DM aus seinen Patenten. Die Einnahmen aus den Patenten sollen sich in den
nächsten drei Jahren auf etwa 1,2 Millionen DM steigern. Zusätzlich
zahlen sie eine "schwindelerregend hohe Ablösesumme" an den
bisherigen Arbeitgeber, um Bernd zu bekommen.
Bernd unterschreibt und schwebt im Glück. Er zieht nach Pinneberg und arbeitet in seiner eigenen Forschungsabteilung bei den ILO-Werken. Das Unternehmen produziert eine breite Palette von Spezialmotoren - vom Rasenmähermotor bis zum Torpedo-Antrieb. Bernd erhält den Auftrag, neben dem zivilen Aqua Scooter für den Tauchsport auch eine militärische Variante für die Kampfschwimmer der U.S.-Navy zu entwickeln. Alles ist streng geheim. Der militärische Aqua Scooter soll leistungsstark sein und geräuschlos bis zum 15 km/h schnell unter Wasser fahren können.
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Das bleibt der HVA, der Spezialabteilung für Auslandsspionage der Staatssicherheit, nicht verborgen. Unter dem OpV (Operativer Vorgang) mit dem Decknamen "Taucher" ermittelt die Stasi ab 1970 das Leben von Bernd Böttger in Pinneberg.
Er ist nach wie vor ein Einzelgänger. Manchmal reist er ans Mittelmeer nach Frankreich oder Spanien, um dort seine U-Boote, die es inzwischen in verschiedenen Varianten gibt, zu testen. Über die Wochenenden fährt er auch oft an die Nordsee um zu tauchen und seine neuen U-Boot-Varianten zu testen - das macht er auch im Winter. Aber auch Urlaubsreisen z.B. nach Marokko oder Kenia unternimmt er.
Bernd
ist glücklich und spart das viele Geld, um sich ein Segelschiff zu kaufen
und damit um die Welt zu segeln.
Die
Stasi versucht herauszufinden, was genau Bernd in den ILO-Werken entwickelt.
Sie recherchiert vor Ort in Pinneberg viel über die ILO-Werke, findet
aber nichts über die konkrete Tätigkeit von Bernd heraus. Seine
Forschungsabteilung ist innerhalb des Werkes hermetisch abgeschirmt.
Niemand
weiß, was die Stasi-Führung mit dem Mann vorhat, der sie so ausgetrickst
hat. Vielleicht wollen sie ihn zurückholen, um seine Erfindung und die
sprudelnden Devisen-Einnahmen in den Dienst des Sozialismus zu stellen? Möglicherweise
haben die Militärs des Warschauer Paktes ein Interesse an der Erfindung?
Oder wollen sie ihn einfach liquidieren?
In einem Brief an seine Mutter vom 12. August 1971 berichtet er: "Seit Sonntag habe ich einen neuen Zimmernachbarn. Er ist aus Dresden und vor ca. 4 Wochen abgehauen über Ungarn - Jugoslawien - Österreich. Er ist ein prima Kumpel. Das bemerkenswerte aber ist, das bereits jetzt sein Vater von drüben hier zu Besuch ist." Aber Bernd ist auch blauäugig und macht sich keine weiteren Gedanken über seinen neuen Zimmernachbarn, der Erich Wolfgang K. heißt.






Auch
am Mittelmeer hat Bernd jetzt neue Freunde. Sie wohnen in Perpignan im Süden
Frankreichs kurz vor der spanischen Grenze. Am Samstag, dem 26. August 1972,
besucht sie Bernd in Perpignan und sie verabreden sich für den nächsten
Tag zum gemeinsamen Tauchen in der spanischen Ankerbucht Cala Joncols. Bernd
fährt mit seinem Auto in die beliebte Bucht, wo er schon oft im Zelt
übernachtete.
Sonntagfrüh
fahren Jean Paul und Jaqueline B. und Schwager mit ihrem Motorboot von Rosas
zu Bernd, wo er schon auf sie wartet. Gegen 10.30 Uhr treffen sie sich und
Bernd geht mit an Bord der "Norfeu".
Der 27.
August 1972 ist ein wunderschöner, sonniger Sonntag. Schon vormittags
ankern viele Motorboote in den Buchten. Gemeinsam fahren Bernd und seine Freunde
mit dem Motorboot zu einer Bucht in der Nähe der "Cala Joncols".
Etwa 11 Uhr springt Bernd mit Schnorchel, Maske, Flossen und seiner selbst gebauten Harpune ins Wasser, um etwas fürs Frühstück zu jagen. Jean Paul B. legt danach seine Tauchausrüstung mit Pressluftflasche an und geht auch auf Tiefe. Um 11.30 Uhr kommt Jean Paul hoch geschossen und schreit um Hilfe. Bernd liegt regungslos in elf Metern Tiefe auf einem Felsen. Sie rufen ein schnelles Motorboot heran und rasen zum nächsten Arzt in der sechs Seemeilen entfernten Hafenstadt Rosas. Dort kann nur noch den Tod festgestellt werden.
Einen
Tag nach Bernds Tod verschwindet sein ehemaliger Zimmernachbar Hals über
Kopf aus der Pension in Pinneberg. Bernds Mutter bittet um Genehmigung einer
Westreise, um von ihrem toten Sohn Abschied nehmen zu dürfen. Obwohl
sie bereits Rentnerin ist, lehnt die Stasi die Reise ab. Stattdessen bekommt
sie Bernds Asche.
Nach
der Wende versucht Bernds jüngerer Bruder Achim Böttger den mysteriösen
Tod seines Bruders aufzuklären. Am 8.03.1993 stellte er bei der 1991
gegründeten ZERV (Zentrale Ermittlungsstelle für Regierungs- und
Vereinigungskriminalität) Strafanzeige wegen des Verdachts der Ermordung
seines Bruders durch die Staatssicherheit. Die Zeugen, die Bernd Böttger
unmittelbar vor und nach seinem Tod gesehen haben, leben noch heute in Perpignan.
Doch niemand macht sich die Mühe, unmittelbar am Tatort zu ermitteln.
Stattdessen sind die Beamten der ZERV so clever und fragen den ehemaligen
Stasi-Chef von Sebnitz, ob die Absicht bestand, Bernd Böttger im Westen
zu ermorden, was jener erwartungsgemäß verneint.
Am 2.10.1995
schreibt die Staatsanwaltschaft Berlin an Achim Böttger, dass "erfolgversprechende
Ermittlungsansätze nicht ersichtlich sind" und darum das Verfahren
eingestellt wird. Achim Böttger hat bis heute die Hoffnung nicht aufgegeben,
dass irgendwann ein noch lebender Zeuge oder ein Schriftstück aus den
Stasi-Archiven erklären wird, durch welche Umstände sein Bruder
ums Leben kam.
Nach
Bernds Tod lebt seine Erfindung weiter. In den ILO-Werken wird der zivile
Aqua-Scooter in Serie gebaut. Der dazu verwendete 2-Takt-Motor wird von ILO
selbst hergestellt. Er hat einen Hubraum von 48 cm3 und entwickelt bei 4000
Umdrehungen eine Leistung von 2 PS. Die leistungsstärkere, militärische
Version sieht man in mehreren James-Bond-Filmen.

Zum Thema erfolgte Publikationen:
Printmedien - Bücher:
o "Es geschah an der Mauer" - Dr. Rainer Hildebrandt - Verlag Haus am Checkpoint Charly - 17. erweiterte Auflage Oktober 1990
o "ÜBER DIE OSTSEE IN DIE FREIHEIT" - Christine & Bodo Müller - Delius, Klasing & Co., Bielefeld - 1996
o "Faszination Freiheit - die spektakulärsten Fluchtgeschichten" - Bodo Müller - Ch. Links Verlag, Berlin - 2000
o "Ich war Staatsfeind Nr. 1 - Als Fluchthelfer auf der Todesliste der Stasi " - Wolfgang Welsch - Piper Verlag GmbH, München - April 2003
o sowie zahlreiche, weitere Veröffentlichungen dazu in Zeitschriften und Tageszeitungen
TV-Sendungen:
o WDR 03.01.1993 - Wiel Verlinden - Film "Die vergessene Mauer - Flucht über die Ostsee" - 8 Episoden
o RTL 03.03.1993 - Bettina Warken - Sendung "EXPLOSIV" - Episode zu Bernd Böttgers Flucht
o HISTORY 2009 - Nicolas von Hänisch "History Geschichte erleben" - Episode zu Bernd Böttgers Flucht
o MDR 21.07.2014 - Matthias Lange - MDR um Vier" - Episode zu Bernd Böttgers Flucht
o NDR 24.07.2019- Hinnerk Baumgarten -"DAS"" - als Gast Bodo Müller - u. a. eine Episode zu Bernd Böttgers Flucht