Bernd Böttger

aus Sebnitz in Sachsen,
gelernter Chemiefacharbeiter,
* geb. 25.10.1940 in Gera,
† gest. 27.08.1972 bei Rosas in Spanien.

Er flüchtete 1968 mit Hilfe eines selbst entwickelten und gebauten Aqua-Scooters über die Ostsee von Graal-Müritz in der DDR zum dänischen Feuerschiff "GEDSER REV".

1972 verstarb er beim Tauchen an der Costa Brava unter mysteriösen, bis heute nicht aufgeklärten Umständen. Es besteht dazu der Verdacht des politischen Mordes durch das Ministerium für Staatssicherheit der DDR.


Medien nannten sie "Die tollste Flucht des Jahres 1968"

Dieser Mann ist:

Auszüge aus seiner aufregenden Geschichte:
aufgeschrieben von dem Journalisten und Fotografen Bodo Müller, Travemünde

(Im Folgenden ist eine etwas komprimierte Fassung des Artikels von Bodo Müller zu lesen. Der komplette Artikel befindet sich unter dem folgenden Link bzw. dem Menüpunkt "Artikel 'boote'". )
Der "007" aus Sachsen

1968 erfand Bernd Böttger den Aqua Scooter und floh damit in den Westen. Sein kurzes Leben hat die Dimension eines Thrillers.

Der junge Marine-Offizier Christian Christiansen langweilt sich zu Tode auf dem dänischen Feuerschiff "Gedser Rev". Es liegt genau in der Mitte zwischen Gedser und Warnemünde und ist das wichtigste Leuchtfeuer zur Sicherheit des Schiffsverkehrs in der Kadet-Rinne. Nach Gedser im Norden bzw. Warnemünde im Süden beträgt die Entfernung je zwölf Seemeilen. Die Insel Fehmarn liegt 24 sm weit im Westen. Am Sonntag, dem 8. September 1968 hat Christiansen den ganzen Tag lang versucht, seinen Kofferfernseher mittels einer hoch im Mast angebrachten Antenne zu aktivieren. Vom dänischen Fernsehen empfängt er nur ein krisseliges Bild ohne Ton. Das westdeutsche Fernsehen kriegt er gar nicht rein. Lediglich das DDR-Fernsehen kann er halbwegs sehen, doch Bild und Ton verschwinden immer, wenn sich das vor Anker liegende Feuerschiff bewegt. Um 23 Uhr schaltet Christiansen genervt die Glotze ab, denn im ostdeutschen TV beginnt ein Russischkurs.

Um Mitternacht schreibt er die Wetterdaten ins Bordbuch: Wind 1-2 Beaufort aus Südost, Lufttemperatur 15°C, Wasser 17°C. Es ist noch immer ein wunderbar warmer Sommer. Wenn nur die Langeweile an Bord nicht wäre. Bis 6 Uhr muss er noch aushalten, dann darf er sich Schlafen legen. Punkt 4 Uhr morgens geht Christiansen wieder an Deck, um von der kleinen Wetterstation die Daten abzulesen und ins Bordbuch zu tragen.

Es ist eine sternenklare Nacht und das Meer ist glatt. Aus Richtung Süden sieht er eine einzelne Welle auf sich zu rollen. Was ist denn das? Kurz vor dem Feuerschiff wird sie kleiner und verschwindet. Er schenkt der merkwürdigen Welle keine weitere Bedeutung.

Plötzlich hört er eine menschliche Stimme. Kann das sein? Mitten auf der Ostsee? Er rennt ins Steuerhaus und greift das Fernglas. Er sucht den gesamten Horizont ab. Kein Boot oder Schiff ist zu sehen. Hat er sich getäuscht?

Da hört er die Stimme wieder. Jemand ruft "Help, help!" Christiansen schlägt mit der Schiffsglocke Alarm. Eine Minute später sind alle sechs Mann der Crew an Deck. Sie richten an Steuerbord, wo die Stimme zu hören ist, einen Scheinwerfer aufs Wasser und entdecken den Kopf eines jungen Mannes. Sofort werfen sie eine Leine über Bord, an der sich der Unbekannte festhalten soll.

Minuten später hängt die Strickleiter außenbords. Während Christiansen sich noch eine Schwimmweste anlegt, um dem vermeintlichen Schiffbrüchigen aus dem Wasser zu helfen, kommt dieser schon aus eigener Kraft lächelnd die Strickleiter hoch geklettert und benutzt dabei nur eine Hand, weil er in der anderen ein merkwürdiges Gerät hält.

"Guten Morgen, ich heiße Bernd Böttger und komme aus Sebnitz bei Dresden. Darf ich bei Ihnen an Bord kommen?" Fragt der Fremde im schönsten Sächsisch. Er darf sich heiß duschen, erhält trockene Kleidung und ein Frühstück und sollte eigentlich schlafen. Doch die dänischen Seeleute wollen unbedingt wissen, wie er es geschafft hat, so weit zu schwimmen und was das für ein Apparat ist.

"Ich bin nicht geschwommen," antwortet Bernd. "Das ist mein U-Boot und ich habe mich nur rangehängt."

Einen Tag später reist Bernd weiter nach Lübeck. Auch in der Bundesrepublik ist er vom ersten Augenblick an ein Medien-Star. Sein Mini-U-Boot, das jetzt Aqua Scooter genannt wird, und die tollkühne Fluchtgeschichte erscheinen in allen großen Zeitungen. Die Wochenzeitschrift "Neue Revue" feiert ihn mit der Schlagzeile "Unter Wasser in die Freiheit - Die tollste Flucht des Jahres 1968". Er gibt Fernsehinterviews u.a. für den Sender Freies Berlin und ist mit seinem U-Boot Gast der NDR-Sendung "Die Aktuelle Schaubude". In der "Arbeitsgemeinschaft 13. August" e.V., die in West-Berlin das Fluchtmuseum "Haus am Checkpoint Charlie" betreibt, stellt Böttger sein Mini-U-Boot aus. Spätestens jetzt interessiert sich Stasi-Chef Generaloberst Erich Mielke persönlich für ihn.

Ein Fall für die DDR-Staatssicherheit war Bernd Böttger bereits als Jugendlicher. Im Sommer 1958, Bernd ist 17 Jahre jung, hat er seine erste dreistufige Feststoff-Rakete, die er hoch in den Himmel steigen lassen will, startklar. Dummerweise umkreist sie nicht die Erde, sondern landet kurz darauf - mitten im Hof des Volkspolizei-Kreisamtes von Sebnitz. Seine Jugendlichkeit schützt ihn vor Strafe. Er lernt nach dem Abschluss der 8. Klasse . den Beruf des Chemiefacharbeiters. Die Stasi hat ihn weiter im Visier. Den Genossen wurde zugetragen, dass Bernd wisse, wie man Menschen mit auf dem Rücken geschnallten Raketentriebwerken über Hindernisse fliegen lassen kann.

Er wird mit 18 Jahren zum Direktstudium an die Ingenieurschule nach Magdeburg delegiert. Nach fünf Semestern muss er die Fachschule verlassen - wegen angeblicher Schwächen in Mathematik und Organischer Chemie. In einem Stasi-Bericht heißt es allerdings, dass er "wegen negativen Diskussionen oder anderen Sachen, die sich gegen unsere Republik richteten, von der Schule verwiesen wurde."

Als am 13. August 1961 in Berlin die Mauer gebaut wird, hält sich Bernd mit dem jüngeren Bruder Achim in Westberlin auf. Da die Mutter und Bruder Horst noch "drüben" sind, gehen die Kinder wenige Tage nach Mauerbau zurück in die DDR. Für Bernd aber steht jetzt fest - er wird sich hier nicht einsperren lassen, er muss einen Weg finden, in die Freheit zu kommen.

Bernd lernt tauchen und experimentiert mit Verbrennungsmotoren. Er besitzt zwei in den 1930-er Jahren gebaute Opel-Pkw sowie mehrere alte Motorräder. Im Januar 1963 führt er einen Motorschlitten mit Propellerantrieb vor. Vor den staunenden Sebnitzern rodelt er damit bergauf. Doch im Geheimen plant er eine Erfindung, mit der er aus der DDR fliehen kann. Es soll ein Wasserfahrzeug werden.

Seine Paten-Tante schickt ihm aus dem Westen einen nagelneuen Neopren-Anzug, inklusive Kopfhaube, damit kann man sich stundenlang im Wasser aufhalten, ohne dass die Körpertemperatur sinkt. Jetzt braucht Bernd nur noch ein Fahrzeug, das ihn unter der Wasseroberfläche durch die Ostsee zieht. Bernd entscheidet sich, ein Mini-U-Boot zu bauen, an das er sich anhängen kann und das ihn durchs Meer schleppt.

Der Seeweg von der DDR-Küste bei Rostock nach Dänemark ist etwa 45 Kilometer weit. Vom Ostseebad Boltenhagen bis Schleswig-Holstein sind es 22 Kilometer. Die beste Zeit, durch die Ostsee zu fliehen, ist im Spätsommer. Dann ist das Wasser warm und die schützende Nacht relativ lang. Er muss also ein U-Boot konstruieren, das ihn mit möglichst großer Geschwindigkeit durch die Ostsee zieht, um im Schutze der Dunkelheit die Seegrenze zu durchbrechen.

Die benötigte Leistung, um einen Menschen unter Wasser zu schleppen, schätzt er auf mindestens 1 kW oder 1,5 PS. Ein Elektromotor wäre leicht gegen Wasser abzudichten, da er keine Luftzufuhr benötigt. Doch es gibt dafür keine geeigneten Akkus. Also muss er ein U-Boot mit Benzinmotor bauen. Der Motor soll maximal zehn Kilo schwer sein, um ihn mit gefülltem Tank zum Strand tragen zu können.

Bernd beschafft sich für wenig Geld einen alten "Hühnerschreck-Motor". Eigentlich heißt er MAW-Hilfsmotor, benannt nach dem Hersteller VEB Messgeräte- und Armaturenwerk in Magdeburg. Der 6 kg leichte 1-Zylinder-Zweitaktmotor hat 49,5 cm3 Hubraum und eine Leistung von etwa 1 kW..

Bernd dichtet alle wasserempfindlichen Teile wie Vergaser, Zündspule und Unterbrecher mit Kunststoff ab. Für die Ansaugluft und die Abgase baut er einen etwa ein Meter langen Schnorchel, der zur Wasseroberfläche führt. 1966 hat er sein U-Boot soweit entwickelt, dass er es in verschiedenen Seen in der Umgebung von Sebnitz ausprobiert und immer weiter perfektioniert. Ein Problem ist der Schnorchel für die Ansaugluft. Taucht er kurz unter oder eine Welle spült darüber, geht der Motor aus. Auch ist das U-Boot sehr laut und jeder in der Umgebung hört sofort, dass da ein Hühnerschreck unter Wasser fährt. Bernd wurde von vielen Passanten mit seiner Erfindung gesehen. Er macht kein Geheimnis mehr daraus und testet es zu Saisonbeginn 1967 im Sebnitzer Schwimmbad.

Am 14.06.1967 reist er mit Zelt und dem U-Boot im Kofferraum zum Templiner See nördlich von Berlin. Bernd unternimmt dort Probefahrten mit seinem U-Boot und verbessert noch einige Details der Technik. Am 28. Juni 1967 reist er weiter nach Boltenhagen und meldet sich auf dem Zeltplatz an, unweit beginnt das Grenz-Sperrgebiet. Von dort bis nach Travemünde sind es - würde man an der Küste entlang tauchen - 24 Kilometer. Doch diese Küste ist streng bewacht. In seiner unkomplizierten Art plaudert Bernd mit den Grenzsoldaten und versucht, Details der Grenzsicherung heraus zu bekommen. Dabei ahnt er nicht, dass ihn die Stasi schon im Visier hat.

Am 7. Juli 1967 fährt er nach 20 Uhr mit dem Bus zur Steilküste bei Boltenhagen. Um 23 Uhr geht er nach Nordwesten zur Steilküste. Plötzlich springen zwei Soldaten aus den Büschen. Sie halten ihre Kalaschnikows auf ihn: "Hände hoch! Sie sind festgenommen!" Dreieinhalb Monate sitzt Bernd in U-Haft in Dresden. Am 26. September 1967 klagt ihn das Kreisgericht Sebnitz "Wegen Vorbereitung zum illegalen Verlassen der DDR" an. Während der Verhandlung streitet Bernd ab, die DDR illegal verlassen zu wollen. Das U-Boot habe er konstruiert, um das Rettungswesen in der DDR zu revolutionieren. Da Bernd im Sommer als Rettungsschwimmer gearbeitet hatte, klingt das Argument nicht völlig aus der Luft gegriffen. Der Richter urteilt milde: Bernd bekommt eine Gefängnisstrafe von acht Monaten, die für zwei Jahre auf Bewährung ausgesetzt wird. Sein U-Boot wird eingezogen. Den für ihn so wichtigen Neoprenanzug bekommt er zurück.

Als Bernd wieder auf freien Fuß kommt, hat er bereits ein neues und besseres U-Boot konstruiert. Die komplette Konstruktion hat er sich im Knast ausgedacht. Es gibt keine Skizze. Alles hat er in seinem Kopf. Und jetzt wird niemand etwas davon erfahren. Er beginnt sofort mit dem Bau des neuen U-Bootes.

Am 8. September 1968 ist Bernd nachmittags auf dem Zeltplatz Graal-Müritz bei Rostock eingetroffen. Er inspiziert kurz den Strand. Hier, weit entfernt von der Grenze nach Westdeutschland, ist keine Grenzstreife zu sehen. Kurz vor 22 Uhr ist die Luft noch 18 Grad warm und das Wasser misst 17 Grad. Nur der noch relativ hohe Seegang macht ihm ein wenig Sorgen. Um 22 Uhr zieht er einen Pullover an und darüber seinen Neoprenanzug. Er nimmt Maske, Schnorchel und Flossen aus dem Auto und sieht sich um. Nicht ein Urlauber ist am Strand. Jetzt oder Nie! Um 22.30 Uhr legt Bernd einen sechs Kilo schweren Bleigürtel um und nimmt sein U-Boot aus dem Kofferraum und watet in die kalte Brandung. Im hüfttiefen Wasser stehend sieht er sich ein letztes Mal um. Er wird dieses Land nie wieder sehen. Er startet sein U-Boot und hängt sich an. Dank des Bleigürtels geht Bernd sofort auf Tiefe. Sekunden später ist vom U-Boot und seinem Kapitän nichts mehr zu sehen oder zu hören.

Erst nach langer Zeit wagt er, wieder aufzutauchen, um sich zu orientieren. Die Küste liegt als flacher dunkler Streifen hinter ihm. Nur die Lichtkegel der Grenzwachtürme huschen übers Meer. Er sucht über sich das Sternbild des Großen Wagens und den Nordpolarstern. Wo der steht, muss Dänemark sein. Auf halbem Wege soll das dänische Feuerschiff "Gedser Rev" liegen. Bernd weiß nicht, welches Lichtsignal das Feuerschiff abgibt, denn Seekarten werden in der DDR nicht frei verkauft.

Bernd schätzt seine Geschwindigkeit auf fünf Stundenkilometer. Unglaublich! Seine Erfindung läuft wie ein Schweizer Uhrwerk. Gegen Mitternacht hört er plötzlich lautes Motorengeräusch. Bernd taucht auf und erschrickt. Ein DDR-Kriegsschiff hält auf ihn zu. Sie haben ihn entdeckt! Sind sie gekommen, um ihn festzunehmen? Oder wollen sie Ihn durch den Propeller ziehen? Oder freundlicherweise nur erschießen?

Bernd schaltet sein U-Boot aus, atmet tief aus und lässt sich auf Tiefe sinken, er weiß, dass er die Luft länger anhalten kann, als es die Mediziner raten. Dröhnend laut hört er über sich die Maschinen des Kriegsschiffes. Er muss wieder nach oben, sonst stirbt er. Vom Kriegsschiff sieht er nur noch das Heck. Magen und Darm machen ihm jetzt Probleme und er überlegt kurz, ob er die mitgenommene Luftmatzratze aufbläst, um sich darauf auszuruhen. Er atmet mehrmals tief durch. Ob das U-Boot wieder anspringt?

Das U-Boot springt wieder an. Das beflügelt ihn. Er lässt sich jetzt kurz unter der Wasseroberfläche durch die Ostsee ziehen und schiebt eine kleine Welle vor sich her. Bernd ist in Hochstimmung. Sein U-Boot schnurrt ohne Aussetzer. Bernd hat keine Uhr. Am Horizont scheint ihm das Licht etwas hellerzu sein. Ob das ein Vorzeichen des Sonnenaufgangs sein kann? Bernd war noch nie nachts auf dem offenen Meer.

Plötzlich ist ein weißes Blinklicht ganz nahe. Er nimmt das Gas weg und steuert zum Heck des fremden Schiffes. Dort weht im leichten Südwind eine große rot-weiße Flagge. Am Heck liest er den Heimathafen "Kopenhagen". Bernd schaltet den Motor aus und ruft erst "Hallo". Da keiner antwortet, schreit er laut: "Help, help!"

In Westdeutschland angekommen, wird Bernd Böttger als Flüchtling des Jahres 1968 gefeiert. Er ist 28 Jahre jung, gut aussehend, sportlich trainiert und strahlt stets gute Laune aus. Von Nikotin, Alkohol oder sonstigen Drogen hält er nichts. Stattdessen trinkt er Tee aus selbst gesammelten Kräutern. Obwohl ihm schöne Frauen zu Füßen liegen, interessiert ihn das wenig. Gleich mehrere Firmen bieten dem Erfinder Arbeit an.

Bernd glaubt, dass er jetzt ein freies und selbst bestimmtes Leben führen kann. Er ahnt nicht, dass er auch im Westen im Visier der Stasi steht.

Bernd möchte sein U-Boot weiter entwickeln. Die Firma Babcock & Wilcox in Oberhausen bietet ihm an, dort sein U-Boot zur Serienreife weiter zu entwickeln. Bernd ist begeistert und zieht im Januar 1969 nach Oberhausen in die Annabergstraße 43. Im Juni 1969 arbeitet Bernd in der Deutschen Unterwasser-Forschungsstation BAH II mit, die eine Tauchstation auf dem Grunde des Bodensees betreibt. Am 15. September 1969 wird sein zur Serienreife entwickelter BABCOCK-Scooter der Öffentlichkeit vorgeführt. Auf seine Erfindung werden ihm gleich drei internationale Patente erteilt.

Bernd berichtet in Briefen stolz von seinem neuen Leben in Westdeutschland. Doch Bernds Brüder Horst und Achim machen sich Sorgen. Sie wurden von der Staatssicherheit abgeholt und verhört. Die verhasste Stasi hat auch Nachbarn, Freunde und Bekannte befragt. Bernds Mutter ahnt nicht, dass einige der Geschäftsleute und Bekannten denen sie sich anvertraut für die Stasi arbeiten - auch in Westdeutschland. Allein von der Stasi-Kreisdienststelle Sebnitz werden mehr als zehn Personen, verdeckt als Geschäftsreisende oder Rentner zum Ausspionieren von Bernds Umfeld nach Westdeutschland beordert.

Schon wenige Wochen nach der Präsentation seines Scooters wechselt Bernds zu den ILO-Werke nach Pinneberg bei Hamburg. Die wollen Bernd Böttger sowie die Rechte an seiner Erfindung und an den Patenten haben. Sie bieten Bernd eine eigene Forschungsabteilung an, ein Monatsgehalt von 1800 DM (was damals viel Geld war) sowie im ersten Jahr ein zusätzliches Honorar von 200.000 DM aus seinen Patenten. Die Einnahmen aus den Patenten sollen sich in den nächsten drei Jahren auf etwa 1,2 Millionen DM steigern. Zusätzlich zahlen sie eine "schwindelerregend hohe Ablösesumme" an den bisherigen Arbeitgeber, um Bernd zu bekommen.

Bernd unterschreibt und schwebt im Glück. Er zieht nach Pinneberg und arbeitet in seiner eigenen Forschungsabteilung bei den ILO-Werken. Das Unternehmen produziert eine breite Palette von Spezialmotoren - vom Rasenmähermotor bis zum Torpedo-Antrieb. Bernd erhält den Auftrag, neben dem zivilen Aqua Scooter für den Tauchsport auch eine militärische Variante für die Kampfschwimmer der U.S.-Navy zu entwickeln. Alles ist streng geheim. Der militärische Aqua Scooter soll leistungsstark sein und geräuschlos bis zum 15 km/h schnell unter Wasser fahren können.

Das bleibt der HVA, der Spezialabteilung für Auslandsspionage der Staatssicherheit, nicht verborgen. Unter dem OpV (Operativer Vorgang) mit dem Decknamen "Taucher" ermittelt die Stasi ab 1970 das Leben von Bernd Böttger in Pinneberg.

Er ist nach wie vor ein Einzelgänger. Manchmal reist er ans Mittelmeer nach Frankreich oder Spanien, um dort seine U-Boote, die es inzwischen in verschiedenen Varianten gibt, zu testen. Über die Wochenenden fährt er auch oft an die Nordsee um zu tauchen und seine neuen U-Boot-Varianten zu testen - das macht er auch im Winter. Aber auch Urlaubsreisen z.B. nach Marokko oder Kenia unternimmt er.

Bernd ist glücklich und spart das viele Geld, um sich ein Segelschiff zu kaufen und damit um die Welt zu segeln.

Die Stasi versucht herauszufinden, was genau Bernd in den ILO-Werken entwickelt. Sie recherchiert vor Ort in Pinneberg viel über die ILO-Werke, findet aber nichts über die konkrete Tätigkeit von Bernd heraus. Seine Forschungsabteilung ist innerhalb des Werkes hermetisch abgeschirmt.

Niemand weiß, was die Stasi-Führung mit dem Mann vorhat, der sie so ausgetrickst hat. Vielleicht wollen sie ihn zurückholen, um seine Erfindung und die sprudelnden Devisen-Einnahmen in den Dienst des Sozialismus zu stellen? Möglicherweise haben die Militärs des Warschauer Paktes ein Interesse an der Erfindung? Oder wollen sie ihn einfach liquidieren?

In einem Brief an seine Mutter vom 12. August 1971 berichtet er: "Seit Sonntag habe ich einen neuen Zimmernachbarn. Er ist aus Dresden und vor ca. 4 Wochen abgehauen über Ungarn - Jugoslawien - Österreich. Er ist ein prima Kumpel. Das bemerkenswerte aber ist, das bereits jetzt sein Vater von drüben hier zu Besuch ist." Aber Bernd ist auch blauäugig und macht sich keine weiteren Gedanken über seinen neuen Zimmernachbarn, der Erich Wolfgang K. heißt.

 

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Auszug aus einem späteren Interview beim
Sender "Freies Berlin" vom 12. Sept. 1968.
Das sagte Bernd Böttger in der Sendung "Tagesgeschehen":

Auch am Mittelmeer hat Bernd jetzt neue Freunde. Sie wohnen in Perpignan im Süden Frankreichs kurz vor der spanischen Grenze. Am Samstag, dem 26. August 1972, besucht sie Bernd in Perpignan und sie verabreden sich für den nächsten Tag zum gemeinsamen Tauchen in der spanischen Ankerbucht Cala Joncols. Bernd fährt mit seinem Auto in die beliebte Bucht, wo er schon oft im Zelt übernachtete.

Sonntagfrüh fahren Jean Paul und Jaqueline B. und Schwager mit ihrem Motorboot von Rosas zu Bernd, wo er schon auf sie wartet. Gegen 10.30 Uhr treffen sie sich und Bernd geht mit an Bord der "Norfeu".

Der 27. August 1972 ist ein wunderschöner, sonniger Sonntag. Schon vormittags ankern viele Motorboote in den Buchten. Gemeinsam fahren Bernd und seine Freunde mit dem Motorboot zu einer Bucht in der Nähe der "Cala Joncols".

Etwa 11 Uhr springt Bernd mit Schnorchel, Maske, Flossen und seiner selbst gebauten Harpune ins Wasser, um etwas fürs Frühstück zu jagen. Jean Paul B. legt danach seine Tauchausrüstung mit Pressluftflasche an und geht auch auf Tiefe. Um 11.30 Uhr kommt Jean Paul hoch geschossen und schreit um Hilfe. Bernd liegt regungslos in elf Metern Tiefe auf einem Felsen. Sie rufen ein schnelles Motorboot heran und rasen zum nächsten Arzt in der sechs Seemeilen entfernten Hafenstadt Rosas. Dort kann nur noch den Tod festgestellt werden.

Einen Tag nach Bernds Tod verschwindet sein ehemaliger Zimmernachbar Hals über Kopf aus der Pension in Pinneberg. Bernds Mutter bittet um Genehmigung einer Westreise, um von ihrem toten Sohn Abschied nehmen zu dürfen. Obwohl sie bereits Rentnerin ist, lehnt die Stasi die Reise ab. Stattdessen bekommt sie Bernds Asche.

Nach der Wende versucht Bernds jüngerer Bruder Achim Böttger den mysteriösen Tod seines Bruders aufzuklären. Am 8.03.1993 stellte er bei der 1991 gegründeten ZERV (Zentrale Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität) Strafanzeige wegen des Verdachts der Ermordung seines Bruders durch die Staatssicherheit. Die Zeugen, die Bernd Böttger unmittelbar vor und nach seinem Tod gesehen haben, leben noch heute in Perpignan. Doch niemand macht sich die Mühe, unmittelbar am Tatort zu ermitteln. Stattdessen sind die Beamten der ZERV so clever und fragen den ehemaligen Stasi-Chef von Sebnitz, ob die Absicht bestand, Bernd Böttger im Westen zu ermorden, was jener erwartungsgemäß verneint.

Am 2.10.1995 schreibt die Staatsanwaltschaft Berlin an Achim Böttger, dass "erfolgversprechende Ermittlungsansätze nicht ersichtlich sind" und darum das Verfahren eingestellt wird. Achim Böttger hat bis heute die Hoffnung nicht aufgegeben, dass irgendwann ein noch lebender Zeuge oder ein Schriftstück aus den Stasi-Archiven erklären wird, durch welche Umstände sein Bruder ums Leben kam.

Nach Bernds Tod lebt seine Erfindung weiter. In den ILO-Werken wird der zivile Aqua-Scooter in Serie gebaut. Der dazu verwendete 2-Takt-Motor wird von ILO selbst hergestellt. Er hat einen Hubraum von 48 cm3 und entwickelt bei 4000 Umdrehungen eine Leistung von 2 PS. Die leistungsstärkere, militärische Version sieht man in mehreren James-Bond-Filmen.

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Zum Thema erfolgte Publikationen:

Printmedien - Bücher:

o "Es geschah an der Mauer" - Dr. Rainer Hildebrandt - Verlag Haus am Checkpoint Charly - 17. erweiterte Auflage Oktober 1990

o "ÜBER DIE OSTSEE IN DIE FREIHEIT" - Christine & Bodo Müller - Delius, Klasing & Co., Bielefeld - 1996

o "Faszination Freiheit - die spektakulärsten Fluchtgeschichten" - Bodo Müller - Ch. Links Verlag, Berlin - 2000

o "Ich war Staatsfeind Nr. 1 - Als Fluchthelfer auf der Todesliste der Stasi " - Wolfgang Welsch - Piper Verlag GmbH, München -    April 2003

o sowie zahlreiche, weitere Veröffentlichungen dazu in Zeitschriften und Tageszeitungen

TV-Sendungen:

o WDR 03.01.1993 - Wiel Verlinden - Film "Die vergessene Mauer - Flucht über die Ostsee" - 8 Episoden

o RTL 03.03.1993 - Bettina Warken - Sendung "EXPLOSIV" - Episode zu Bernd Böttgers Flucht

o HISTORY 2009 - Nicolas von Hänisch "History Geschichte erleben" - Episode zu Bernd Böttgers Flucht

o MDR 21.07.2014 - Matthias Lange - MDR um Vier" - Episode zu Bernd Böttgers Flucht

o NDR 24.07.2019- Hinnerk Baumgarten -"DAS"" - als Gast Bodo Müller - u. a. eine Episode zu Bernd Böttgers Flucht